Varroamilbe: Könnten Bienen selbst die Lösung sein und sich schützen?

Die Varroamilbe gehört zu den größten Herausforderungen, mit denen sich die Imkerei heute beschäftigen muss. Der kleine Parasit kann Bienenvölker stark schwächen und zur Übertragung von Viren beitragen. Unbehandelte Völker können an einem starken Befall zugrunde gehen.

Interessant ist deshalb nicht nur die Frage, wie sich die Varroamilbe bekämpfen lässt. Bei meiner Recherche bin ich auf einen anderen Ansatz gestoßen, der für die Zukunft der Imkerei mindestens genauso spannend ist: Es wird versucht, Bienen zu züchten, die mit der Varroamilbe besser zurechtkommen.

Ausgangspunkt dafür sind Eigenschaften, die bei manchen Bienenvölkern bereits vorhanden sind. Einige Bienen erkennen beispielsweise befallene Brut und entfernen sie. Was zunächst wie ein natürliches Verhalten aussieht, wird inzwischen gezielt untersucht und für die Zucht genutzt.

Was macht die Varroamilbe so problematisch?

Die Varroamilbe, wissenschaftlich Varroa destructor, stammt ursprünglich aus Asien. Dort lebt sie seit langer Zeit mit der Asiatischen Honigbiene zusammen. Diese Bienen haben im Laufe der Evolution verschiedene Möglichkeiten entwickelt, mit dem Parasiten umzugehen.

Mit der Westlichen Honigbiene ist die Situation anders. Die Varroamilbe kann sich in deren Brut sehr erfolgreich vermehren. Eine weibliche Milbe dringt kurz vor der Verdeckelung in eine Brutzelle ein und legt dort Eier. Wenn die junge Biene schlüpft, können sich bereits mehrere Milben in der Zelle entwickelt haben.

Die erwachsenen Milben gehen anschließend auf andere Bienen über und können so im Volk weiterverbreitet werden.

Dabei schädigt die Milbe die Bienen nicht nur dadurch, dass sie ihnen Nährstoffe entzieht. Heute weiß man, dass Varroamilben vor allem Gewebe des Fettkörpers aufnehmen. Dieser Fettkörper ist für die Biene ausgesprochen wichtig und übernimmt unter anderem Aufgaben beim Stoffwechsel, bei der Speicherung von Nährstoffen und bei der Abwehr. Zusätzlich können Varroamilben Viren übertragen.

Damit wird verständlich, warum ein starker Befall nicht einfach nur ein kleines Problem einzelner Bienen ist, sondern die Gesundheit eines ganzen Bienenvolkes gefährden kann.

Wie stark sich die Varroabelastung im Jahresverlauf verändert, gehört deshalb zu den wichtigen Themen der Bienenhaltung. Gerade die Monate mit viel Brut sind für die Entwicklung der Milbenpopulation entscheidend. Mit Bienen durchs Jahr

Die Bienen können sich teilweise selbst wehren

Besonders interessant wird es, wenn man sich die Asiatische Honigbiene anschaut. Sie ist der ursprüngliche Wirt der Varroamilbe und kommt mit dem Parasiten besser zurecht als die Westliche Honigbiene.

Das liegt unter anderem an bestimmten Verhaltensweisen. Bienen können Milben teilweise durch gegenseitiges Putzen entfernen. Noch interessanter ist aber ihr Hygieneverhalten gegenüber der Brut.

Befallene Brutzellen können erkannt und ausgeräumt werden. Damit wird die Vermehrung der Varroamilben unterbrochen.

Auch bei der Westlichen Honigbiene gibt es Völker, bei denen solche Eigenschaften stärker ausgeprägt sind. Und genau diese Unterschiede sind für die Zucht interessant.

Welche Unterschiede zwischen den verschiedenen Honigbienen und anderen Bienenarten bestehen, ist ohnehin ein spannendes Thema.

Was bedeutet VSH?

Bei der Recherche zur Varroamilbe taucht immer wieder eine Abkürzung auf: VSH.

VSH steht für „Varroa Sensitive Hygiene“. Gemeint ist damit vereinfacht gesagt ein Hygieneverhalten, bei dem Bienen befallene Brut besonders gut erkennen und ausräumen.

Für die Varroamilbe ist das problematisch. Sie braucht die verdeckelte Brutzelle für ihre Vermehrung. Wird eine solche Zelle von den Bienen geöffnet und die befallene Brut entfernt, kann die Milbe ihren Vermehrungszyklus nicht erfolgreich abschließen.

Das Interessante daran: Dieses Verhalten ist nicht bei jedem Bienenvolk gleich stark ausgeprägt.

Deshalb versuchen Züchter, Völker mit solchen Eigenschaften zu erkennen und gezielt weiterzuvermehren. In Baden-Württemberg wurde dafür beispielsweise das Projekt SETBie durchgeführt. Der Name steht für „Selektion und Etablierung varroatoleranter Bienenvölker VSH/SMR“. Ziel war es, VSH- und SMR-Linien in der Landesbienenzucht zu etablieren und damit die Varroabelastung langfristig zu reduzieren.

SMR steht für „Suppressed Mite Reproduction“. Dabei geht es um Eigenschaften, durch die sich die Milben in den Brutzellen schlechter vermehren können.

Warum die Zucht auf solche Eigenschaften interessant ist

Auf den ersten Blick klingt die Idee ziemlich einfach: Man nimmt Bienen, die besonders gut mit der Varroamilbe umgehen können, und sorgt dafür, dass sich diese Eigenschaften weiterverbreiten.

In der Praxis ist es natürlich komplizierter.

Bei der Zucht geht es nicht um eine einzelne Eigenschaft. Auch andere Merkmale eines Bienenvolkes spielen eine Rolle. Dazu gehören beispielsweise Gesundheit, Verhalten, Schwarmneigung und die Leistungsfähigkeit eines Volkes.

Vermehrung von Honigbienen

Außerdem müssen die gewünschten Eigenschaften über Generationen beobachtet werden. Nur weil ein Volk besonders gut mit Varroamilben zurechtkommt, bedeutet das noch nicht automatisch, dass seine Nachkommen dieselben Eigenschaften genauso stark zeigen.

Genau deshalb ist die Zucht auf Varroatoleranz kein schneller Ausweg aus dem Varroaproblem. Sie ist eher ein langfristiger Ansatz.

Die Königin bekommt dabei eine besondere Bedeutung

Ein aktueller Zeitungsbericht hat mich bei diesem Thema auf einen weiteren interessanten Punkt aufmerksam gemacht: die Paarung der Königin.

Eine Königin paart sich nicht nur mit einem einzigen Drohn. Für die Zucht bedeutet das, dass auch die Auswahl der Drohnen eine Rolle spielt, wenn bestimmte Eigenschaften weitergegeben werden sollen.

Bei gezielter Zucht werden deshalb geeignete Königinnen und Drohnen zusammengebracht. Belegstellen können dabei helfen, die Paarungsverhältnisse kontrollierter zu gestalten.

Das klingt zunächst nach einem sehr kleinen Detail. Für die Zucht ist es aber entscheidend. Denn wenn bestimmte Eigenschaften einer Bienenlinie erhalten und weitergegeben werden sollen, muss man nicht nur wissen, welche Königin besonders interessante Merkmale besitzt. Auch die genetische Herkunft der Drohnen spielt eine Rolle.

Gerade deshalb fand ich den Zeitungsbericht über die „Hochzeitsanbahnung für die Königin“ so interessant. Hinter der etwas ungewöhnlichen Überschrift steckt ein ziemlich wichtiger Teil der modernen Bienenzucht.

Varroatolerante Bienen ersetzen die Behandlung nicht

Bei all diesen neuen Ansätzen darf allerdings nicht der Eindruck entstehen, dass die Varroamilbe bald einfach von den Bienen selbst erledigt wird.

So weit sind wir nicht.

Die Kontrolle des Milbenbefalls und die Behandlung betroffener Völker bleiben weiterhin wichtige Bestandteile der Bienenhaltung. Das gilt auch für Völker, bei denen bestimmte Eigenschaften zur Varroatoleranz vorhanden sind.

Zum Varroamanagement gehören deshalb je nach Situation beispielsweise die Kontrolle des Befalls, das Schneiden von Drohnenbrut, Brutunterbrechungen und geeignete Behandlungen. Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt unter anderem vom Zeitpunkt im Bienenjahr, vom Befallsgrad und davon ab, ob sich Brut im Volk befindet.

Gerade die Behandlung sollte deshalb nicht nach einem starren Schema erfolgen. Die Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau weist ausdrücklich darauf hin, dass ein Varroakonzept zwar eine Orientierung geben kann, die konkrete Situation des jeweiligen Volkes aber berücksichtigt werden muss.

Auch die Kontrolle nach einer Behandlung ist wichtig. Erst sie zeigt, ob die Maßnahme tatsächlich ausreichend wirksam war.

Warum die Varroamilbe das ganze Bienenjahr begleitet

Die Varroamilbe ist kein Problem, das erst im Herbst auftaucht.

Während der Saison wächst die Milbenpopulation gemeinsam mit der Bienenpopulation. Besonders die Brut spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sich die Varroamilben dort vermehren können.

Deshalb beginnt Varroamanagement schon während der laufenden Saison. Biotechnische Maßnahmen wie die Entnahme von Drohnenbrut können beispielsweise dazu beitragen, die Entwicklung der Milbenpopulation zu bremsen. Später folgen je nach Befall und Situation weitere Maßnahmen.

Das erklärt auch, warum die einzelnen Stationen des Bienenjahres so eng miteinander verbunden sind. Was im Sommer passiert, kann Auswirkungen darauf haben, wie ein Volk in den Winter geht.

Und genau deshalb ist die Varroamilbe auch mehr als ein einzelnes Thema innerhalb der Imkerei: Sie steht eng mit der Gesundheit eines Bienenvolkes und mit der gesamten Völkerführung in Verbindung.

Könnte die Biene das Varroaproblem irgendwann selbst lösen?

Das wäre natürlich die schönste Lösung. Davon sind wir allerdings noch entfernt.

Interessant ist trotzdem, dass die Forschung und Zucht inzwischen stärker darauf schauen, welche Fähigkeiten die Bienen selbst mitbringen. VSH und andere Eigenschaften zeigen, dass die Bienen nicht völlig hilflos gegenüber dem Parasiten sind.

Die Idee besteht deshalb nicht darin, die Behandlung von heute auf morgen abzuschaffen. Vielmehr könnten unterschiedliche Ansätze irgendwann besser zusammenspielen: Befall früh erkennen, die Varroapopulation mit geeigneten Maßnahmen begrenzen und gleichzeitig Bienen züchten, die sich besser gegen den Parasiten behaupten können.

Das könnte langfristig einiges verändern.

Die Varroamilbe bleibt eine Herausforderung

Die Varroamilbe wird die Imkerei vermutlich noch lange beschäftigen. Eine einfache Lösung gibt es nicht.

Trotzdem hat sich der Blick auf das Problem verändert. Neben der Bekämpfung der Milben rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, was die Bienen selbst gegen den Parasiten ausrichten können.

VSH, SMR und die gezielte Zucht auf entsprechende Eigenschaften sind dabei keine Wunderlösung. Aber sie zeigen, dass die Biene selbst Fähigkeiten besitzt, die für die Zukunft der Imkerei interessant sein könnten.

Vielleicht wird die Varroamilbe deshalb irgendwann nicht mehr nur als Gegner betrachtet, den es möglichst vollständig zu bekämpfen gilt. Vielleicht geht es zunehmend darum, die natürlichen Abwehrmechanismen der Bienen zu verstehen und bei der Zucht stärker zu berücksichtigen.

Bis dahin bleiben Kontrolle und Behandlung unverzichtbar. Aber gerade die Verbindung aus Varroamanagement und Zucht macht das Thema so spannend.

Ein anderes großes Problem ist die Faulbrut im Bienenstock.

Von Petra

Ich liebe die Natur, meinen Garten und Honig – und bin neugierig auf das faszinierende Leben der Bienen. Ich bin selbst keine Imkerin, sondern begleite die Welt der Imkerei mit offenen Augen und vielen Fragen. Gemeinsam mit meinem Imkerfreund Toni entdecke ich auf Hobbyimker-werden die Welt der Bienen und teile Wissen, Erfahrungen und Geschichten für alle, die Bienen und ihre Welt besser verstehen möchten.