Wildbienenarten in Deutschland – 604 Arten und viele noch unentdeckt

Wenn man an Bienen denkt, denkt man meistens an die Honigbiene. Dabei ist sie nur eine von vielen und eigentlich die Ausnahme, nicht die Regel. Allein in Deutschland sind 604 Wildbienenarten nachgewiesen, weltweit sind es rund 30.000 beschriebene Arten. Und Forscher sind sich einig: Das ist noch längst nicht alles.

Was ist überhaupt eine Wildbiene?

Der Begriff klingt nach Wildnis und Urwald, meint aber schlicht: alle Bienenarten außer der Honigbiene. Die Honigbiene ist das einzige vom Menschen gehaltene und bewirtschaftete Mitglied der Bienenfamilie. Alles andere, von der winzigen Steppenbiene mit vier Millimetern bis zur Blauen Holzbiene mit fast drei Zentimetern, zählt zu den Wildbienen.

Über 90 Prozent der Wildbienen sind Einzelgänger. Sie leben solitär, bauen keine Völker, haben keine Königin und produzieren keinen Honig. Jedes Weibchen baut sein Nest allein, versorgt seine Brut allein und stirbt, bevor der Nachwuchs schlüpft. Die meisten Wildbienen sind nur vier bis acht Wochen aktiv. Den Rest des Jahres verbringen sie als Larve oder Puppe in ihrer Brutzelle. Lies dazu den Beitrag: Sandarium für Wildbienen

Hummeln sind übrigens ebenfalls Wildbienen, auch wenn ihre soziale Lebensweise mit Königin und Arbeiterteilung eher an die Honigbiene erinnert. Sie sind die Ausnahme innerhalb einer sehr diversen Gruppe.

Wie entdeckt man neue Arten überhaupt?

Neue Wildbienenarten tauchen auf zwei Wegen auf. Erstens durch genetische Analyse: Was früher wie eine einzige Art aussah, entpuppt sich unter dem molekularen Blick als zwei oder mehr sogenannte kryptische Arten, äußerlich kaum zu unterscheiden, biologisch aber eigenständig. Seit der letzten deutschen Checkliste von 2015 sind allein hierzulande 22 Arten hinzugekommen, unter anderem durch genau solche Neubewertungen.

Zweitens durch den Klimawandel: Wärmeliebende Arten, die früher in Deutschland nicht heimisch waren, werden zunehmend nachgewiesen. Ein Beispiel: Ein Masterstudent dokumentierte die Östliche Schlürfbiene erstmals für Deutschland, ein Fund, der zeigt, wie viel noch zu entdecken ist, wenn man genau hinschaut.

Lies auch über die Gehörnte Mauerbiene

Ein Leben als Einzelgänger und trotzdem hochkomplex

Das Sozialleben der Wildbienen mag unspektakulär klingen. Kein Schwarm, kein Tanz, keine gemeinsame Kommunikation. Aber was die Einzeltiere leisten, ist bemerkenswert. Ein Weibchen kann etwa 30 Eier legen. Jedes Ei bekommt eine eigene Kammer, die säuberlich abgetrennt und mit einem Brei aus Pollen und Nektar gefüllt wird.

Dabei ist die Wahl der Nahrung alles andere als beliebig. Rund 30 Prozent aller nestbauenden Wildbienen sind auf den Pollen ganz bestimmter Pflanzenfamilien, Pflanzengattungen oder sogar einzelner Pflanzenarten angewiesen. Man nennt diese Arten oligolektisch. Die Glockenblumen-Scherenbiene sammelt ausschließlich Pollen von Glockenblumen, die Gewöhnliche Natternkopfbiene nur von Natternkopf. Fällt die Pflanze weg, fällt auch die Biene weg.

Und dann gibt es noch die Kuckucksbienen. Sie bauen keine eigenen Nester, sondern legen ihre Eier in fremde Brutzellen, wenn die Nestbauerin gerade auf Pollensuche ist. Rund ein Viertel aller Wildbienenarten lebt auf diese parasitäre Weise. Was wie eine Strategie des Betrugs klingt, ist ein eingespieltes ökologisches System, solange Wirt und Parasit im Gleichgewicht bleiben.

Mitten in der Stadt und trotzdem selten

Besonders überraschend: Seltene Arten tauchen nicht nur in abgelegener Natur auf. Im Wildbienenprojekt „München floriert“ wurden zwei vom Aussterben bedrohte Arten mitten in der Stadt gefunden, darunter die Stängel-Blattschneiderbiene, für die es erst der siebte Fund in ganz Bayern war. Entscheidend war dabei nicht die Lage, sondern die Pflege: Die Flächen werden nur ein bis zweimal im Jahr gemäht, abgestorbene Pflanzenstängel bleiben stehen, für manche Arten eine überlebenswichtige Voraussetzung.

Ähnliches gilt für Berlin: Rund 330 Wildbienenarten leben dort, 170 davon auf gezielt betreuten Flächen, darunter elf Arten der Roten Liste. Städte können also durchaus Rückzugsräume bieten, wenn man sie lässt.

Das Verschwinden läuft parallel zum Entdecken

Was nachdenklich stimmt: Während neue Arten auftauchen, verschwinden gleichzeitig andere. 37 Arten sind in Deutschland bereits ausgestorben, 270 stehen auf der Roten Liste. Nur etwa ein Drittel aller Wildbienenarten gilt noch als ungefährdet.

Etwa drei Viertel der deutschen Wildbienenarten nisten im Erdboden und diese Arten finden kaum noch ungestörte Plätze. Versiegelte Böden, gemähte Rasenflächen, Schottergärten, all das nimmt ihnen den Lebensraum, bevor sie überhaupt entdeckt wurden.

Was das für uns bedeutet

Das Wissen über Artenvielfalt ist keine rein wissenschaftliche Angelegenheit. Es zeigt uns, wo wir hinschauen müssen und was wir konkret tun können. Stehendes Totholz, Sandlinsen, gebündelte Pflanzenstängel und ungefüllte heimische Wildstauden helfen vielen Arten, und das auf jedem Balkon und in jedem Garten.

Wer Wildbienen beobachten und bestimmen möchte, kann außerdem selbst zur Forschung beitragen, über Apps wie iNaturalist oder Observation.org, bei denen Bürgerinnen und Bürger Funde melden und so die Verbreitungskarten mitschreiben. Jede Beobachtung zählt, auch die vom Balkon aus.

Oder bau doch einfach ein Insektenhotel

Wildbienen beobachten: so fängst du an

Wer einmal anfängt, Wildbienen zu beobachten, hört kaum mehr auf. Denn sobald man weiß, dass da draußen nicht einfach „Bienen“ herumfliegen, sondern Mauerbienen, Sandbienen, Blattschneider und Schmarotzer, und und und beginnt man ganz anders hinzuschauen.

Ein guter Einstieg ist die Gehörnte Mauerbiene, eine der ersten Wildbienen im Jahr. Sie schlüpft bereits Ende Februar oder Anfang März, ist kräftig orangebraun behaart und nutzt gerne Insektenhotels mit Bambusröhren. Wer einen Balkon oder Garten hat, kann sie leicht beobachten und mit etwas Glück beim Nestbau zusehen.

Für die Bestimmung unbekannter Arten lohnt sich ein Blick in die App iNaturalist: Foto hochladen, Community schaut mit, Art wird vorgeschlagen. So wird Beobachten zur Mitarbeit an echter Wissenschaft. Gerade bei den Wildbienen, wo noch so vieles unentdeckt ist, zählt jeder Fund.

Von Petra

„Ich bin Gartenfreundin und Honigliebhaberin, aber selbst keine Imkerin. Gemeinsam mit Imker Toni teile ich auf Hobby-Imker werden Erfahrungen, Tipps und Wissen rund um Bienen, Honig und das faszinierende Leben im Bienenstock. Dabei geht es auch um den Schutz der Natur und das Bewusstsein für die Bedeutung der Bienen.“